Das zerbrochene Paradies

Am vergangenen Wochenende waren wir im Gasometer Oberhausen. Das Erlebte hat mich sehr bewegt, da es rund um die Veränderung, vor allem aber auch um die menschliche Zerstörung der Erde ging. Welche Gedanken und Gefühle ich dabei hatte, möchte ich euch heute erzählen.

Mittlerweile ist das Gasometer Oberhausen ein Industriedenkmal, welches schon 1988 stillgelegt wurde. Von Oktober 2020 an, wurde es fast ein Jahr lang restauriert und eröffnete nun wieder mit der Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ und zeigt darin „die Schönheit der Natur und den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt„. Seit dem 1.Oktober hat das 117 Meter hohe Gebäude in Oberhausen nun seine Pforten wieder geöffnet und prompt standen wir in einer rund hundert Meter langen Schlange vor dem Eingang.

Eigentlich hatte ich mich bei diesem Ausflug auf eine Foto-Videoreise eingestellt, doch da in der Ausstellung viele Exponate von Künstlern ausgestellt sind, ist filmen und fotografieren zwar erlaubt, jedoch darf man es nicht veröffentlichen.

Als wir nun also im Inneren des imposanten Gebäudes angelangt waren, war mir auch nicht mehr nach Fotos und Videos. Auf zwei Ebenen wurden riesige Fotos, kreisförmig in mehreren Ringen pro Ebene, präsentiert, die einem zunächst vor Schönheit, später aber auch durch Entsetzen den Atem raubten. Unglaublich schöne Fotos, die dem Betrachter unsere wundervolle Tierwelt zeigen. Gestochen scharfe Fotografien, die nicht ohne Grund in vielen Fällen namhafte Preise erhalten haben.

Je mehr man sich durch die Ausstellung vorarbeitet, desto düsterer wird der Anblick der Bilder. Sie zeigt vor allem die Veränderung unserer Erde, und welch wahnsinnigen Einfluss der Mensch auf die Natur nehmen konnte. Es wird von Meter zu Meter klarer, dass dieses Paradies längst durch unsere Hände zerstört wurde. Durch das immerwährende Streben nach Weiterentwicklung, dem immer dreisteren Umgang mit unseren Ressourcen, der Ausbeutung der Erde und vor allem ihrer Tierwelt, um zu Ruhm und vor allem Reichtum zu gelangen.

Wir roden Wälder und nehmen damit vielen Tierarten den Lebensraum, wir rotten ganze Tierarten aus, da ihr Fleisch, ihr Fell, ihre Stoßzähne oder sonstiges, sehr viel Geld einbringen. Bis diese Tierarten für unsere Kinder nur noch Fotos in einem Album und Geschichten ihrer Großeltern sind.

Alles mit der Einstellung: Die Folgen werde ich ja nicht mehr tragen müssen – so lange lebe ich eh nicht mehr. Dann kann man einen Großkonzern eröffnen, der durch Ausbeutung zu Weltruhm und Milliarden kommt.

Meine strahlenden Augen ob der Schönheit der ersten Bilder, wandelten sich immer mehr in besorgniserregende und schockierte Blicke. Ein Storch, der komplett in einem Plastiksack eingehüllt war, und erst durch den Fotografen, nach dem Foto, aus seiner Notsituation befreit werden konnte. Ölverschmierte Pinguine. Die gesamte Ausstellung zeigte mir deutlich auf, wie weit die Zerstörung bereits fortgeschritten ist, und wie auch ich meine Augen insgeheim vor dieser Tatsache verschließe.

In lebensgroßen Hologrammen sprechen Wissenschaftler und Journalisten zu mir und erklären, dass das Verhalten der Menschen bei einer Bevölkerungszahl von 1 Milliarde, noch gar nicht auf eine Zukunft mit mittlerweile 7 Milliarden Menschen ausgerichtet war.

Wir sind in ein Schneeballprinzip geraten, welches scheinbar unaufhaltsam voranschreitet. Jeder einzelne von uns kann weniger Benzin verbrauchen, Müll nicht auf den Boden sondern in den Mülleimer werfen, Stofftaschen statt Plastiktüten benutzen und bei McDonalds aus einem Papierstrohalm trinken. Doch was bewirkt das in diesem riesigen Zerstörungswahn, den wir Tag für Tag immer weiter betreiben? Was kann ich kleiner Mann noch dagegen ausrichten? Was können meine Kinder ändern, außer freitags mit Plakaten auf die Straße zu gehen und für eine bessere Politik zu demonstrieren? Sind wir doch ehrlich: Die derzeit in Koalitionsverhandlungen steckende, kommende Regierung wird aus drei Parteien bestehen. Endlich mit den Grünen, die sicherlich viel Gutes für die Umwelt und das geschädigte Klima ausrichten möchte, doch sie müssen nun noch mehr Kompromisse eingehen, als alle bisherigen Koalitionsregierungen. Wie viel bleibt noch von der grünen Umweltpolitik. Wie viele Pläne und Veränderungen lassen sich in den kommenden vier Jahren umsetzen? Außerdem ist unsere Regierung in diesen Zeiten eine Reaktionsregierung, die plötzlich aufkommende Problematiken behandeln muss. Wie am Beispiel „Flüchtlingskrise 2015“ zu sehen war. Oder noch präsenter: Die Corona-Pandemie. Wie viel sonstige Politik ist der letzten Regierung in den beiden vergangenen Coronajahren noch gelungen? Es gab andere Themen. Die müssen abgearbeitet werden. Es gibt Pläne und Forderungen der EU die eingehalten werden müssen. Viele Tagesordnungspunkte, die von einer Weitsicht ablenken und einfach keinen oder kaum Raum lassen für Zukunfts-Klimapolitik.

Und selbst wenn es gelänge: Dann sprechen wir vom verhältnismäßig kleinen Land Deutschland, betrachtet man die gesamte Erdmasse unserer Welt. Wir machen nur einen kleinen Teil aus. Und das wurde mir vor 2 Jahren deutlich aufgezeigt, als ich für ein paar Tage nach Malta reisen durfte. Dort fand eine Vorstellung eines neuen Konzeptes statt: Verschiedene Mülltonnen für verschiedene Müllarten. Staunende und skeptische Gesichter unter den anwesenden Bürgern. Hatte man doch bis dato alles in einen Sack gepackt, und jeden Morgen an den Straßenrand gestellt, damit die Müllabfuhr alles einsammelt und auf einem großen Haufen letztlich alles zusammen verbrennt. Müllansammlungen auf öffentlichen Grünflächen, die man sich als Deutscher gar nicht vorstellen kann. In Deutschland ist eine Mülltrennung seit 1991 an der Tagesordnung. 30 Jahre. In Malta: Eine Weltneuheit.

Nun rede ich nur von einem Ministaat wie Malta, aber es gehört dennoch zur EU. Und wenn wir es nicht mal schaffen im Völkerbund der Europäischen Union eine einheitliche Müllpolitik zu betreiben, wie wollen wir dann als gesamte Weltbevölkerung all diese Probleme in den Griff bekommen?

Beruflich habe ich mit dem Thema Solaranlagen zu tun. Und Wallboxen um E-Autos laden zu können. Die Planung und Beratung im Bereich Photovoltaik macht mir sehr viel Spaß und ich sehe dabei wie viele Kilowatt Strom von Hausbesitzern auf dem Dach selbst produziert werden können und dadurch „schmutzig“ produzierter Strom von den Energieversorgern eingespart werden kann. Außerdem freue ich mich auf das neue Gesetz, welches hoffentlich schnell im Jahr 2022 kommen wird, dass jedes neugebaute Haus eine Solaranlage haben MUSS. Und jede größere Umbauarbeit an einem vorhandenen Dach, muss ebenfalls die Montage einer Solaranlage beinhalten.

Doch schon beim Thema E-Mobility beginne ich zu zweifeln. Ich werde den Eindruck nicht los, dass unsere Regierung unter EU-Druck, die Förderung von Ladestationen, den Ausbau des Ladenetzes und das Vorantreiben der E-Autoproduktion durchgesetzt hat. Aber zu welchem Preis? Wenn wir dadurch weniger schädliches Benzin verbrauchen ist das toll. Aber wie viel mehr „schmutzig“ produzierter Strom wird künftig nötig? Wie viele Ressourcen wie Lithium, Kobalt, Graphit, Mangan, Nickel und Aluminium werden künftig unter schlimmsten Bedingungen produziert, abgebaut, weiterverarbeitet? Und wie viel Schaden fügen wir damit wieder unserer Welt zu?

Verschieben wir hier nicht einfach die Probleme von A nach B? Ich glaube ja. Denn auch die Entsorgung der Batterien ist noch nicht gänzlich geklärt. Außerdem ist unser Stromnetz in Deutschland nicht dafür ausgelegt, dass JEDER ein E-Auto laden kann. Ein paar Vorreiter in kleineren Städten lassen sich nun Ladestationen installieren – bis das Stromnetz der Straße ausgelastet ist, dann bekommen die restlichen Anwohner keine Genehmigung mehr.

Zurück zur Ausstellung. In der dritten Ebene zeigte sich uns eine riesige Fläche mit 500 Sitzplätzen und in der Mitte vom Dach hängend ein riesengroßer Ballon, der von mehreren Beamern seitlich angestrahlt wurde. Man fühlte sich beim Anblick dieser riesigen Erdkugel fast ein bisschen wie ein Astronaut, der auf seinen Heimatplaneten blickt. Beeindruckt und sprachlos setzten wir uns hin und beobachteten die projizierten Bilder, die wie ein Film abliefen. Zunächst die Entstehung und Verschiebung der Kontinentalplatten, die Bewegung der Wolken, die Meeresströmungen. Alles bildlich sehr gut dargestellt. Später folgt eine Simulation aller Flüge auf der Erde. Erschreckend wie viele tausende von Flugzeuge dort wie ein Ameisenschwarm über unseren Planeten zogen. Gefolgt von der Simulation der Schifffahrt. Welches sich überraschenderweise als ein vielfaches des Flugverkehrs darstellte.

Welchen Schaden wir nun mit dieser glorreichen Erfindung des Fliegens unserer Umwelt antun, wird einem bewusst, wenn man sich kurz überlegt wie viel Kerosin dafür alltäglich nötig sein muss.

Sehr nachdenklich habe ich die Ausstellung nach ca. 2-3 Stunden verlassen. Nichts mehr übrig von meiner Idee einen Film zu drehen oder tolle Fotos für Instagram zu schießen. Dafür war ich viel zu mitgenommen von den erschreckenden Eindrücken. Und ich fürchte, dass wir diesen Schneeball gar nicht mehr aufhalten können. Im Gegenteil. Wir werden viele gute Dinge umsetzen, die zu einer Verbesserung führen sollen, aber wenn man ehrlich zu sich selbst ist dann weiß man, dass wir nicht alles verändern können.

Egal wie ich mich künftig im Alltag verhalte, werde ich damit keine Hurricanes, keine Flutwellen oder Hochwasserkatastrophen verhindern können. Und auch unsere deutsche Politik ist nicht mehr in der Lage dazu. Weder die EU, noch alle anderen Regierungen dieser Erde. Wir können nur noch Schadensbegrenzung betreiben und das Ende dieses Paradieses versuchen immer weiter hinauszuzögern. Aber aufhalten, können wir es nun nicht mehr.

Eines möchte ich noch klarstellen: Jede Demonstration, wie Fridays for Future, ist unheimlich wichtig. Jede Greta Thunberg, die die Probleme unserer Welt anspricht ist ebenfalls wichtig. Denn sie haben Gehör gefunden, wenn auch unter viel Spott und Hohn. Jede Demonstration hilft, den Druck auf die Regierungen immer weiter aufzubauen. Ich verurteile das nicht und ich sage auch nicht, dass das alles nichts bringt. Jede Chipstüte, die mir beim Spazierengehen auffällt, die ich aufhebe und in den Mülleimer werfe ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Ich höre immer wieder von Experten, dass die Regierungen der Welt jetzt dies und das tun können, dass man viele Entwicklungen noch stoppen und auch umkehren könnte, was mir bei all dem aber fehlt, ist die Tatsache das wirklich mal jemand etwas gravierend verändert.

Wir alle können etwas tun und dann ist es wie mit der Geschichte vom Schmetterling:

Zitat von Edward N. Lorenz

„Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“

Ja. Ein kleiner Flügelschlag für jeden einzelnen von uns im alltäglichen Leben bringt uns sehr sehr viel. Kleine Fortschritte unserer Politik zum Thema Umweltschutz und Klima helfen ebenfalls, auch wenn es zunächst nur in Deutschland ist. Irgendjemand muss irgendwann anfangen damit und Vorbild sein für seine Nachbarn. So, dass irgendwann jeder mitmacht und wir echte Fortschritte hinbekommen.

Ich kann nur jedem empfehlen der die Möglichkeit dazu hat, sich die Ausstellung im Gasometer Oberhausen anzuschauen. Es hat mich nachhaltig beeindruckt und so nachdenklich gestimmt, dass ich diesen Blogbeitrag schreiben wollte. Es kann jeden beeinflussen sein eigenes, umweltschädigendes Verhalten zu hinterfragen und hoffentlich zu verändern.

Links:

Gasometer Oberhausen (Tageskarte kostet 11€)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: