Rufmord und seine Folgen

Aktuell steht Gil Ofarim überall in den Trends. Es geht um einen Vorfall in einem Hotel, bei dem ihm angeblich der Check-In verweigert wurde, da er eine Halskette mit Davidstern trug. Er postete ein Video in dem er unmittelbar nach dem Vorfall seinen Fans berichtete. Das Video ging viral, und auch ich habe es auf Twitter weiterverbreitet da ich geschockt war, dass solch ein antisemitisches Verhalten in Deutschland 2021 möglich ist. Nun aber tauchen Videoaufnahmen auf anhand derer zu erkennen ist, dass Ofarim zur besagten Tatzeit gar keine Kette trug. Darauf angesprochen sagte er: „Es geht gar nicht um die Kette, sondern um viel mehr“. Aktuell laufen natürlich die Ermittlungen und es ist noch nicht klar, ob die Videoaufnahmen echt sind oder manipuliert usw.

Nun dreht sich also der Spieß plötzlich um, und nicht mehr der Hotelangestellte, sondern Gil Ofarim steht unter Verdacht, Rufmord begangen zu haben. In beiden Fällen gilt natürlich zunächst die Unschuldsvermutung und es ist Job der Polizei den Sachverhalt aufzuklären. Egal wie es ausgeht, ist es aber ein nicht unwesentlicher Rufmord. Entweder haftet dem Hotel nun ein antisemitischer Ruf an, oder Gil Ofarim ist künftig derjenige „Z-Promi“ der auf Kosten eines Hotels wieder für Aufmerksamkeit sorgen wollte.

Dieser und auch andere bekannte Fälle der Vergangenheit, gerade bei Prominenten, haben mir schon oft zu denken gegeben.

Nehmen wir Jörg Kachelmann, einst ein anerkannter Schweizer Fernsehmoderator, Sachbuchautor, Journalist und Unternehmer, der uns allabendlich das Wetter für die kommenden Tage im ARD erläuterte. Am 20.März 2010 wird er verhaftet. Ihm wird „eine besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit einer gefährlichen Körperverletzung“ vorgeworfen. Am 6.September 2010 beginnt die Hauptverhandlung, die am 31.Mai 2011 mit dem Urteil „Freispruch“ endete. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme bestand begründeter Zweifel an seiner Schuld, daher wurde er nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ freigesprochen.

Heute stolpere ich ab und an auf Twitter über Herrn Kachelmann (er hatte mich sogar mal persönlich kritisiert, da ich einen Kachelofen besitze, der ja schließlich umweltschädigend ist), aber für mich ist er nicht mehr der „sympathische Wettermann“ sondern der Mann „der da mal eine Frau vergewaltigt hat“. Ihm haftet dieser Ruf also an. Auch ich bin voreingenommen, trotz Freispruch. Man wird ihn künftig immer mit der Tat in Verbindung bringen, auch wenn er vor einem ordentlichen Gericht freigesprochen wurde.

Ein anderes Beispiel ist der frühere ProSieben Moderator Andreas Türck. Ihn kennen wir vor allem aus seiner gleichnamigen Talkshow „Andreas Türck“, als diese Art der Talkshows noch für ein Millionenpublikum sorgten. Im Jahr 2004 erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung. Auch er wurde, im September 2005, freigesprochen aus gleichem Grund wie Kachelmann: Es bestand dringender Verdacht, dass die Aussagen des Opfers nicht mit den tatsächlichen Geschehnissen übereinstimmen können. Acht Jahre lang war Türck anschließend nicht mehr im Fernsehen zu sehen, erst 2013 moderierte er „Abenteuer Leben“ auf Kabel Eins. Dennoch haftet auch ihm, immer noch der Ruf eines Vergewaltigers an.

Ein aktuelles Beispiel ist auch der Comedian Luke Mockridge. Seit 2012 steht er mit Soloprogrammen als Comedian auf der Bühne, spielte in Fernsehproduktionen wie „Pastewka“, „Die Mockridges“ „Klinik am Südring“ u.a. mit. Im September 2019 erhielt er seine eigene TV-Show bei Sat.1. Dann kommen im September 2021 die Vorwürfe nach sexueller Gewalt gegen Frauen auf. Schon 2019 hatte seine Ex-Partnerin Ines Anioli (Journalistin, Komikerin, Podcast-Moderatorin) in ihrem Podcast „Besser als Sex“ Vorwürfe erhoben, ohne Luke Mockridge namentlich zu nennen. Mockridge stritt alle Vorwürfe ab. 2020 prüften Staatsanwaltschaft und Generalstaatsanwaltschaft den Vorgang und kamen zum Schluss, dass kein Tatverdacht vorliege. In der Folge sagte er alle Termine des Jahres und auch seine geplante Sat.1 Show für 2022 ab, seine Nominierung zum Deutschen Comedypreis 2021 für seine Serie: „Über Weihnachten“ wurde in Absprache mit ihm, von der Nominierungsliste gestrichen. Seitdem muss er schwere Kritik von Kollegen des Showbusiness hinnehmen. Gerade beim Comedypreis, als z.B. Maren Kroymann (72) ihn bei ihrer Dankesrede aufs schärfste verurteilte, aber auch die Reaktionen die folgten, u.a. von Hazel Brugger oder Klaas Heufer-Umlauf. Tom Gerhardt hingegen sagte, dass heutzutage jeder daherkommen und Behauptungen aufstellen kann, da müsse man ja nicht gleich jeden vorverurteilen.

In diesem letzten Fall gibt es also keinen Strafprozess. Aber wie geht es nun mit Luke weiter? Wissen die Kollegen mehr als wir, wenn sie sein Verhalten so scharf kritisieren? Führt diese prominente Kritik nicht unweigerlich zu einem Ende seiner steilen Comedykarriere?

Bei vorgenannten Fällen möchte ich eines klarstellen: Gewalt ist in jeder Hinsicht zu verurteilen. Sexuelle Gewalt ist eines der schlimmsten Verbrechen und ich empfinde die angesetzten Strafen in Deutschland oftmals als zu milde. Und in Hinblick auf die Aktion #metoo aus 2017, bei der sehr viele weibliche Prominente den Mut fassten endlich auszusprechen, dass sie im Showgeschäft sexuell belästigt oder gar missbraucht wurden; was letztlich zur Verurteilung von Harvey Weinstein führte, der für 23 Jahren ins Gefängnis geht; finde ich diese Bewegung unfassbar wichtig. Frauen den Mut zu geben, sich offen zu dem zu äußern was ihnen widerfahren ist, muss noch viel stärker angestrebt werden.

Aber bei all dem besteht leider auch die Gefahr, dass Prominente, Opfer eines Rufmordes werden können, was ihre Karrieren im Anschluss beenden kann. Einmal unter einem Verdacht zu stehen, lässt sich nur schwer wieder aus den Klamotten waschen. Aber auch bei nicht prominenten ist dies schon häufig aufgetreten. Unter anderem thematisierte der „Tatort“ im ARD solche Fälle. Auch wenn ein Gericht den Angeklagten freispricht, selbst bei eindeutiger Beweislage, wird der Angeklagte immer mit diesen Vorwürfen zu leben haben.

Das macht mir Angst. Schließlich bin ich auch ein Mann. Da denkt man schon darüber nach, was wäre wenn, beispielsweise eine Kollegin oder eine Frau aus dem Bekanntenkreis, solche Vorwürfe gegen mich erheben würde? Zunächst ist es schwer seine Unschuld zu beweisen, vor allem wenn die Tat schon länger zurückliegen soll, zum anderen würde man in jedem Fall sein Gesicht verlieren. Vom Job, der Beziehung, Freundeskreisen oder gar dem Kontakt zur eigenen Familie mal ganz abgesehen.

Ich bin nun sehr gespannt wie der Fall „Ofarim“ weiter verlaufen wird, ebenso über den Fortgang von Luke Mockridges Karriere.

Ich ziehe als Fazit: Wenn dir einmal etwas schwerwiegendes vorgeworfen wird, dann ist selbst ein lupenreiner Freispruch eines angesehenen Gerichts kein Garant dafür, deinen Ruf wieder völlig reinzuwaschen. Aber warum ist unsere Gesellschaft so? Per Gesetz gilt so lange die Unschuldsvermutung, bis man etwas beweisen, oder aber widerlegen kann.

Ist es ein Misstrauen gegen die Entscheidungen von Gerichten? Sind rechtskräftige Urteile „im Namen des Volkes“ also gar nicht im Namen des Volkes, wenn man ihnen nicht glaubt?

Ich möchte mit diesem Artikel nicht den Eindruck erwecken, ich würde die Täter schützen wollen. Ich selbst kann ja nicht auseinanderhalten, ob das Gericht jetzt richtig oder falsch urteilte, oder ob es sich bei den Klägern um aufmerksamkeitsheischende Menschen handelt, oder um tatsächliche Opfer, die die Taten nicht beweisen konnten.

In jedem Fall ist es extrem schwierig sich selbst ein Urteil zu bilden. Daher sollten wir alle unterstützen, dass sexuelle Übergriffe ALLE zur Anzeige gebracht, und die schuldiggesprochenen in voller Härte bestraft werden müssen.

Aber im Falle eines Rufmordes, muss es dann eben genauso schwerwiegend bestraft werden um Unschuldige vor schwerwiegenden sozialen oder beruflichen Folgen zu schützen.

Ihr seid herzlich eingeladen in den Kommentaren eure Meinung zum Thema mitzuteilen.

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